Anlage 1

Tübingen, 15.4.2004 

Sehr geehrter Herr Dekan Claussen,

   Ihr Verhalten ist mir unerklärlich: Sie widersprechen nicht, dass Sie ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben, indem Sie eine Kollegin öffentlich der Faulheit beschuldigen, weil sie ihrem Diensteid treu geblieben ist, und sie so der Ehre, der Pension und des Hauses beraubt haben und berauben.        

   Sie widersprechen auch nicht, dass Sie aus antisemitischen Motiven heraus gehandelt haben, als Sie die staatliche Zwangsräumung nicht im letzten Moment verhindert haben. Meine höfliche Aufforderung an Sie, deshalb bis zum 31. März das Dekansamt niederzulegen, blieb unbeantwortet.              

   Warum wollen Sie, dass diese Korrespondenz auf einer Uni-Homepage erscheint, damit die ganze Welt sieht, wie „gehorsam“ die Deutschen wieder an denselben Universitäten geworden sind, an denen schon früher Kollegen schweren Herzens „wie die eigenen Kinder“ geopfert wurden.    

   Ich schreibe diesen Brief nicht, um Sie anzugreifen, sondern, um Ihnen zu helfen, indem ich Ihnen die Möglichkeit gebe, einen Fehler, der Ihnen viel mehr Schaden zufügt als Ihrem Opfer, noch rechtzeitig zurückzunehmen. Denn einen solchen Vorwurf hinzunehmen vor aller Welt wiegt schwerer, als alle positiven beruflichen Leistungen.

   Sie verletzen durch Ihr Schweigen zu den von mir genannten Fakten auch die Menschenwürde Ihrer Kollegen.  Alle mitwissenden Professoren, die es nicht wagen, sich mit ihrer Kollegin zu solidarisieren, werden von Ihnen zu Gesinnungsgenossen gestempelt.

   Eine Kopie dieses Briefes geht an meinen 100-jährigen Kollegen, Ihren Amtsvorgänger vor langer Zeit, der sich wegen der von mir zurückgegebenen Verdiensturkunde so nett an Ihr Dekanat gewandt hat. Vielleicht kann ER Sie mit seinem entwaffnenden Charme dazu bewegen, sich doch zu entschuldigen?

   Ich weiß, nichts fällt schwerer, als sich zu entschuldigen. Wenn man es aber wagt, wird man auf einmal dankbar. Denn nur ein Freund, der es gut meint, gibt einem die Möglichkeit, sich zu entschuldigen. Durfte ich?

   In der Hoffnung, dass Sie antworten, 


Ihre

Reimara Rössler

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